Persönliches

Shooting

Grundlegend versuche ich seit einiger Zeit bei den Fotoarbeiten, wie auch im übrigen Leben, mich nicht mehr nach ungeschriebenen moralischen Gesetzen zu richten, die mich in meiner Kreativität und Erlebnisfähigkeit einschränken.

Ich habe erkannt, dass ich mich mehr als die Hälfte meines Lebens freiwillig eingeengt habe, weil ich, wie die meisten Menschen auch, unbegründet und zwanglos nach Moralvorstellungen einer scheinheiligen Anständigkeit lebte, obwohl sie mir nicht direkt aufgezwungen wurde. Wir alle könnten viel freud- und lustvoller leben, wenn wir unseren Gedanken und Taten freien Lauf ließen und nicht immer in uns hineinfragen würden "Darf ich das?", "Gehört sich das?", "Was würden andere dazu sagen?". Solche Fragen sind zwar notwendig, um unser Handeln dem Respekt und der Achtung gegenüber anderen Menschen unterzuordnen. In den wenigsten Fällen aber könnten wir uns eine ablehnende Antwort geben.

Unsere Vorfahren hätten z.B. viel mehr Spaß in erotischer Hinsicht miteinander gehabt, wenn das Liebesleben nicht nur in dunklen Schlafzimmern, die Körper in lange Schlafgewänder gehüllt, in immer derselben Körperhaltung praktiziert worden wäre. Aber die eigene zwanglose Versklavung an Moralvorstellungen, an die niemand gebunden war, ließen Erotik und Kreativität in großem Maße nicht erlebbar werden. So kann heutzutage jeder für sich viele Beispiele in allen Lebensbereichen finden, in denen er dem Leben nicht das abverlangt, was man von ihm erhalten könnte.
Wären wir uns dessen täglich bewusst, könnten die meisten erwachsenen Erdenbürger ihre kurze Zeit und ihr bisschen Leben auf diesem Planeten schöner, spannender und erfüllter verbringen.

Allein der milliardenfache Druck auf den Knopf des Fernsehapparates lähmt allabendlich dieses Bewußtsein und unsere Kreativität. Es führt dazu, daß die kurze Lebenszeit zwischen Geburt und Tod jedes Menschen, gleich kurz dem Aufflackern einer Sternschnuppe im Vergleich zum Bestehen menschlichen Lebens, zu einem großen Teil achtlos verschenkt wird.

Gerade heute, in einer Epoche, in der die Zeit immer kurzlebiger wird, ist es wichtig, dies zu erkennen.

Der Fotograf Jeanloup Sieff schrieb mit siebenundvierzig Jahren im November 1980 in sein Tagebuch: "Nach zahlreichen Irrtümern, vergänglichen Gewißheiten und enttäuschten Hoffnungen wird die Fotografie wieder das, was sie immer hätte sein sollen, das, was sie übrigens vielleicht immer war: Trauer über die vergängliche Zeit und Bedürfnis, einige Augenblicke festzuhalten."

Die Zeit können wir nicht beeinflussen - wohl aber die Intensität, mit der wir sie nutzen. Am Beispiel der Sternschnuppe bedeutet dies: Wenn schon kurz, dann aber doch so hell wie möglich. Worauf also noch warten ?

Viel Vergnügen dabei